Reinkarnationstechnologie

»Sieraa, du hast mich damals aus Aureols VR gerettet, wie hast du mich … keine Ahnung, wiederbelebt?«Iason Spyridon
»Es war eine Umkehrung des Prozesses, der deinen Körper in seine atomaren Bestandteile zerlegt hatte. Ich konnte ein zwischengespeichertes Abbild deines Selbst finden und kehrte den Prozess um. Das war nicht leicht und hätte ich noch ein wenig länger gebraucht, wäre der Zwischenspeicher vermutlich entleert oder überschrieben gewesen und du wärst verloren gewesen.«Sieraa

Beschreibung der Grundlagen der Reinkarnationstechnologie

Das Verfahren zur Reinkarnation gliedert sich in mehrere Bestandteile und setzt ein aus den Abschnitten A, B und C bestehendes Backup des Patienten sowie den Einsatz einer Reinkarnationsmaschine, nachfolgend RIM genannt, voraus.

Teil 1: Feststellung des Todes

Voraussetzung zur Reinkarnation ist der Tod eines Patienten. Dieser wird idealerweise durch Beweismaterial (Leiche) oder bevollmächtigte Personen bestätigt. Im Sternenreich Raronea war der gesamte Vorgang der Reinkarnation bürokratisiert und wurde von Angehörigen unterstützt und von eingesetzten Bevollmächtigten überwacht. Angehörige oder Bevollmächtigte beantragen die Bereitstellung der notwendigen Backup-Daten eines Patienten.
(Im Opial gab es diese Form der Überwachung nicht, bzw. sie war nicht vorgeschrieben. Siehe Anhang: Legale Aspekte der Reinkarnation.)
Bei nicht vorhandenem Backup wird festgestellt, dass der Patient nicht am Reinkarnationsverfahren teilnehmen kann. Als endgültig tot gilt ein Patient, dessen Gehirnfunktionen den anerkannten medizinischen Erkenntnissen der jeweiligen Spezies zufolge keinen erfolgreichen WBE-Scan mehr zulassen, wodurch eine postmortale Teilnahme auch auf Antrag der Angehörigen oder der Strafverfolgungsbehörden ausgeschlossen ist.

Teil 2: WBE-Scan

Ein WBE-Scan des lebenden, gesunden Patienten, der als Grundlage einer Whole-Brain-Simulation fungiert, erstellt ein Tiefenbild des Gehirns in der gesamten Komplexität des Individuums. Daraus wird eine digitale Simulation der Bewusstseinsmatrix des am Reinkarnationsverfahren teilnehmenden Patienten erzeugt und gespeichert. Diese Simulation enthält die Scandaten des Patienten, die in der Gesamtheit seine Erinnerungen und sein Bewusstsein ausmachen, um beides im sogenannten Abschnitt A des Backups als lebendiges Abbild eines Bewusstseinszustandes zu speichern. Diese Daten können entweder für die Schaffung eines an diesen Scan angepassten Gehirns in einer RIM genutzt werden, oder sie werden in ein sich selbst anpassendes, synthetisches Gehirn eingespeist. Der Weg zurück vom synthetischen Gehirn in einen biologischen Körper ist jedoch nicht möglich, oder zumindest mit enormen Schwierigkeiten verbunden, sobald der Geist längere Zeit im synthetischen Gehirn verweilt hat. Dies trifft nur dann nicht zu, wenn die Bewusstseinsmatrix in einer Stasis gehalten wird, wie es bei den Backup-Daten des Patienten der Fall ist, der am Reinkarnationsverfahren teilnimmt.

Teil 3: Körperscan

Der restliche Körper des Patienten wird gescannt, um eine möglichst präzise digitale Kopie zu erschaffen. Zum Zwecke der einfachen Reproduktion wird auch die DNS ausgelesen. Die DNS ist im Abschnitt B des Backups eines Patienten gespeichert. Das Auslesen des körpereigenen Erbmaterials erleichtert die Schaffung eines Ersatzkörpers im nachfolgenden Prozess (siehe Teil 4 der Reinkarnation). Um epigenetische Einflüsse zu berücksichtigen oder auch um deren Folgen zu beseitigen, beachtet dieses Scanverfahren nach Möglichkeit ältere vorhandene Scan-Daten, um daraus einen Filter für aktivierte und deaktivierte genetische Eigenschaften zu erstellen. Dieser Teil ist der Abschnitt C des Backups, das DNS-Archiv. Bei pathologischen Veränderungen des Patienten aufgrund einschneidender epigenetischer Einflüsse können diese unter Zuhilfenahme des Archivs ausgeglichen und somit ein gesunder Ersatzkörper erschaffen werden. Sollten ältere Scan-Daten für solch einen Abgleich nicht vorhanden sein, wird die DNS gegenüber epigenetischen Einflüssen betont, was vor allem bei der ersten Reinkarnation eine besondere Sorgfalt des betreuenden medizinischen Personals verlangt.

Teil 4: Ersatzkörper

In den Aufzuchttuben der RIM wird aufgrund der erfassten Daten des Patienten ein Ersatzkörper mit Aufzuchtbeschleunigung unter Zuhilfenahme synthetischer Gebärmuttern und Zellteilungsbeschleunigung aufgrund verschiedener Verfahren geschaffen. Die Aufzuchttuben können der Spezies des Patienten unter Umständen angepasst sein, da nicht alle Lebewesen in Gebärmuttern wachsen. Dieser neue Körper entspricht dem letzten Scan-Zustand des Patienten, wobei Verletzungen und Krankheiten erkannt und automatisch ausgeschlossen werden (können). Dadurch ist auch der Verlust von Körperteilen möglich, wenn der letzte Scan diese miterfasst haben sollte. Nur auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten hin sind verlorene Gliedmaßen oder andere krankhafte Veränderungen des Körpers bei der Schaffung des Ersatzkörpers als zulässig anzusehen.
Teil 1 des Backups wird in diesem Teilschritt genutzt, um ein individuelles Gehirn des Patienten im neuen Ersatzkörper zu formen, das alle Erinnerungen und die Bewusstseinsmatrix des zu Reinkarnierenden enthält. Bis zur Herbeiführung des Erwachens verbleibt der Ersatzkörper in einem komatösen empfindungslosen Zustand.

Teil 5: Fehlerkorrektur

Auch bei Durchführung einer dem Anschein nach erfolgreichen Reinkarnation bleibt eine Fehlerquote von rund 100 fehlerhaften Ersatzkörpern auf eine Million Reinkarnationen. Aufgrund der Fehlerausgleichsverfahren, die angewendet werden, können im Mittel 99 dieser fehlerhaften Ersatzkörper aussortiert werden, bevor sie für eine Reinkarnation und ein erneutes Backup genutzt werden. Somit verbleibt ein fehlerhafter Ersatzkörper auf eine Million Patienten. In der Regel wird Abschnitt C eines älteren Backups genutzt, um eine erneute Reinkarnation des Patienten ohne Erinnerungsverlust zu ermöglichen, wodurch auch dieser Fehler ausgeglichen werden kann, weswegen das Verfahren als nahezu unfehlbar gilt.

Teil 6: Rekonvaleszenz des Reinkarnierten

Aus allen drei Teilen des Backups wird bei erfolgreichem Ablauf ein dem letzten Scan entsprechendes Individuum geboren, das über keinerlei traumatische Erlebnisse, Todeserfahrungen oder sonstige Leiderfahrungen in Bezug auf den Augenblick des den Tod herbeiführenden Ereignisses verfügt. Dennoch ist die emotionale und kognitive Erkenntnis des eigenen Ablebens schwer fassbar. Zu diesem Zwecke wird der Wiedergeborene im Kreise seiner Angehörigen allmählich ins Leben zurückgeführt, um eventuelle Spätfolgen und psychopathologische Veränderungen zu vermeiden. Findet sich der Patient in seiner neuen Inkarnation vollkommen wohl und genesen, wird er in der Regel keine Schwierigkeiten haben, in den Alltag zurückzukehren. Bei schwerwiegenden Indikatoren einer möglichen Fehlentwicklung wird psychologische Unterstützung geboten. Suizidversuche sind selten. Trotz aller Bemühungen und medizinischen Unterstützung kann es zu einem Fehlschlag kommen, wenn der Reinkarnierte sein Ausscheiden aus dem Reinkarnationsverfahren verlangt und sein eigenes, endgültiges Ableben herbeiführt.
In seltenen Fällen kam es zu Backup-Verlusten, entweder durch technisches Versagen, oder aufgrund der Absicht eines oder mehrerer Individuen, den endgültigen Tod eines bestimmten Individuums herbeizuführen, indem die Backup-Daten korrumpiert wurden. Spätere Speicherverfahren verhinderten diese als Reinkarnationsmord bezeichnete Straftat weitestgehend.
Sind alle vorhergehenden Schritte vollendet, und tritt der Reinkarnierte vollständig in sein Leben zurück, gilt die Rekonvaleszenz als erfolgreich.

Anhang: Legale Aspekte der Reinkarnation

In Raronea waren RIM und der Vorgang der Reinkarnation an gesetzliche Vorgaben gebunden. So war es Patienten nicht möglich, mehr als eine Reinkarnation zur gleichen Zeit zu führen. Auch galt das Verbot der Schaffung modifizierter Erinnerungen ohne psychologisches Gutachten. Bei positivem Befund einer Geisteskrankheit oder Störung durften unter Aufsicht von Ärzten Veränderungen an den Scan-Daten vorgenommen werden, um einen modifizierten Ersatzkörper zu erschaffen oder Erinnerungen zu löschen.

Über alle Reinkarnationen wurde daher peinlichst genau Buch geführt. Ebenso war es vorgeschrieben, alle RIM zu registrieren. In der Technologie selbst war ein Lizenzierungsverfahren integriert, dass es unmöglich machte, RIM ohne eine gültige Lizenz und Betriebserlaubnis zu aktivieren.

Das Ausscheiden aus dem Reinkarnationsverfahren war in Raronea lange Zeit legal, bis Aureol dieses Vorgehen als gesetzeswidrig erklärte und Maßnahmen ergriff, um Selbstmörder von ihren Impulsen abzuhalten.
Selbst als das Ausscheiden noch legal war, gab es Ausnahmen, die ein Eingreifen der zuständigen Behörden für zulässig erklärten. Dies war vor allem bei Strafverfolgungsverfahren der Fall. Dabei konnte sowohl die Wahrnehmung der verhängten Strafe gefordert werden, als auch eine Teilnahme an Gerichtsverhandlungen und anderen Maßnahmen der Strafverfolgungsbehörden.

Als die Überlebenden von Aureols totaler Digitalisierung ins Void zwischen den Galaxien flüchteten, um sich dort synthetische Welten zu erschaffen, nahmen sie die Reinkarnationstechnologie mit. Die im Void erbauten RIM verfügten nicht über die Lizenzverfahren und waren sowohl frei verfügbar, als auch unter jeglichen Parametern in Betrieb zu nehmen. Daher gab es zahlreiche Beispiele des Missbrauchs der Technologie, zum Beispiel bei der zeitgleichen Reinkarnation von Individuen mit veränderten Erinnerungen durch Nahestehende. Auf der anderen Seite war es nicht möglich, Teilnehmern am Verfahren Vorschriften bei der Schaffung von Ersatzkörpern oder dem Ausscheiden aus dem Verfahren zu machen. Wahrnehmung und Schutz der Persönlichkeit waren im Opial somit in größerem Maße eine Aufgabe des Individuums, da der Einfluss einer Obrigkeit nicht gegeben war.

Siehe auch Reinkarnationsmaschine.